Warum wir den Begriff „nachhaltig“ stolz verwenden – und warum wir strenge Regeln gegen Greenwashing begrüßen
Als Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung e.V. (BIWENA) tragen wir den Begriff der Nachhaltigkeit im Namen. Seit Inkrafttreten der neuen EU-Regeln zum Schutz vor Greenwashing (Empowering Consumers Directive / UWG-Novelle) im September 2026 müssen Organisationen und Unternehmen präzise belegen, was sie meinen, wenn sie Begriffe wie „nachhaltig“, „ökologisch“ oder „klimaschonend“ verwenden.
Wir empfinden diese Nachweispflicht nicht als bürokratische Hürde, sondern als überfälligen Meilenstein: Wir sind aus Überzeugung Treiber dieser Anti-Greenwashing-Entwicklung. Denn der Begriff „Nachhaltigkeit“ wurde über Jahrzehnte durch unverbindliches Marketing entwertet. Auf dieser Seite legen wir gemäß des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) transparent offen, wie wir den Begriff definieren, warum wir das klassische „Drei-Säulen-Modell“ der Nachhaltigkeit ablehnen und auf welchen überprüfbaren wissenschaftlichen Grundlagen unsere Aussagen zum Bauen mit Stroh, Holz, Hanf und Lehm und auch den meisten (nachwachsenden Rohstoffen) nawaRo’s beruhen.
1. Starke Nachhaltigkeit statt „Drei-Säulen-Greenwashing“
In Politik und Wirtschaft wird Nachhaltigkeit häufig noch immer über das sogenannte Drei-Säulen-Modell definiert, bei dem Ökologie, Ökonomie und Soziales gleichrangig nebeneinanderstehen. In der Praxis führt dieses Modell der „schwachen Nachhaltigkeit“ jedoch systematisch zu Greenwashing: Ökologische Zerstörung wird regelmäßig mit kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteilen verrechnet. Wer ein Gebäude aus energieintensivem Stahlbeton errichtet, es mit Verbundwerkstoffen verklebt, aber eine geringfügige Energieeinsparung im Betrieb oder soziale Arbeitsstandards vorweist, nennt das Projekt im Drei-Säulen-Modell bereits „nachhaltig“ und das oft mit einem Zertifikat.
BIWENA e.V. vertritt demgegenüber konsequent das Konzept der „Starken Nachhaltigkeit“ (u. a. geprägt durch den Sachverständigenrat für Umweltfragen, SRU, sowie das Konzept der Planetaren Belastungsgrenzen):
- Ökologie als nicht verhandelbares Fundament: Es gibt keine funktionierende Wirtschaft und keine soziale Gerechtigkeit auf einem ökologisch destabilisierten Planeten. Die Tragfähigkeit der Ökosysteme bildet die physische Basis (das Fundament), innerhalb derer sich gesellschaftliches Leben und ökonomisches Handeln abspielen müssen.
- Keine Austauschbarkeit von Naturkapital: Zerstörte Ökosysteme, überschrittene Klimakipppunkte und erschöpfte Ressourcen lassen sich nicht durch Finanzkapital oder nachträgliche Treibhausgas-Kompensationszertifikate („Freikaufen“) ersetzen.
- Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE): Wenn wir in unserer Satzung und unseren Bildungsangeboten von „nachhaltiger Entwicklung“ sprechen, beziehen wir uns auf das UNESCO-Weltprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) – konkretisiert durch das Prinzip der Starken Nachhaltigkeit: Wirtschaften und Bauen innerhalb der planetaren Grenzen durch Suffizienz, konsequente Kreislaufführung und regenerative Stoffströme.

einfache Materialien, nachvollziehbare Bauweisen, Emissionen innerhalb strenger Grenzwerte
2. Spezifizierung unserer Bauwende-Aussagen: Warum Stroh-, Holz-, Hanf- und Lehmbau zu den ökologisch leistungsfähigsten Bautechniken zählen
Wenn wir in unserer Bildungs- und Projektarbeit kommunizieren, dass die Kombination aus Stroh, Holz, Hanf und Lehm und weiteren NawaRo’s zu den nachhaltigsten verfügbaren Bautechniken gehört, die aktiv zur Klimaentlastung (Klimaschutz) und Klimaanpassung (Resilienz) beitragen, ist dies keine pauschale Werbeaussage.
Diese Aussage bezieht sich auf den direkten Systemvergleich mit konventionellen mineralischen und petrochemischen Bauweisen (insbesondere Stahlbeton, konventionell gebrannter Mauerziegel sowie synthetische Dämmstoffe wie EPS/XPS/PU) über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes (Lebenszyklusphasen A bis D gemäß DIN EN 15804, überprüfbar in der öffentlichen Baustoffdatenbank ÖKOBAUDAT des Bundesbauministeriums) und diversen Studien innerhalb des weitergehenden Resscore Systems, das nicht nur auf Treibhausgase allein fokussiert, sondern auch den Ressourcenverbrauch adressiert, und z.B. Mahler 2019 S.43 Abbildung 12, Göswein et al 2021, Mouton et al 2023, Kaesberg et al 2024 uvm!
| Bewertungskriterium (Lebenszyklus) | Konkrete Umweltleistung von Stroh, Holz, Hanf und Lehm | Vergleich zur konventionellen Bauweise |
| Herstellungsenergie / Graue Energie (Module A1–A3) | Lehm wird ungebrannt verarbeitet und benötigt nur einen Bruchteil der Primärenergie im Vergleich zu Zement oder gebranntem Ziegel. Bau-Stroh fällt als landwirtschaftliches Koppelprodukt des Getreideanbaus an; Nutzhanf wächst einjährig in der Regel ohne Pestizideinsatz. | Die Zementklinker- und Ziegelherstellung erfordert Hochtemperaturprozesse (bis zu 1.450 °C), meist aus fossilen Brennstoffen und setzt bei Zement zusätzlich enorme Mengen in der Regel aus fossilen Lagerstätten stammendes CO2, Prozess-Emissionen aus dem Kalkstein frei. |
| Biogene Kohlenstoffspeicherung (CO2 – Senkenwirkung) | Holz, Stroh und Hanf auch Landwirtschaft ist nicht ohne Emissionen, aber die nawaRo’s entziehen der Atmosphäre während ihres Wachstums durch Photosynthese CO2 und wir speichern den Kohlenstoff über Jahrzehnte physisch in der Gebäudehülle. Einjährig nachwachsende Rohstoffe (Stroh, Hanf) erzielen dabei einen sofortigen Entlastungseffekt ohne lange forstliche Regenerationszeiten, sofern sie langfristig genutzt werden. | konventionelle Mineralische Baustoffe und erdölbasierte Dämmstoffe speichern im Herstellungsprozess keinen biogenen Kohlenstoff, sondern emittieren netto erhebliche Mengen Treibhausgase. |
| Kreislauffähigkeit & Rückbau (Module C1–C4 / Modul D) | Sortenrein verbaute Konstruktionen aus Holz, Stroh, Hanf und Lehm sind vollständig rückbaubar., sofern sie hochwertig verbaut werden. Lehm ist der einzige uns bekannte Baustoff, der durch bloße Zugabe von Wasser unbegrenzt oft ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden kann. Naturfasern sind kompostierbar bzw. kaskadisch nutzbar um den biogenen Kohlenstoffspeicher in Gebäuden zu verlängern und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. | Verklebte Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) und Verbundbaustoffe führen beim Abriss oft zu schwer trennbaren Bauabfällen oder energieintensivem Downcycling. |
Nachweisbare Beiträge zur Klimaanpassung (Hitzeresilienz & Raumklima)
Die Klimakrise erfordert Gebäude, die Menschen auch bei zunehmenden Hitzewellen und Extremwetterlagen auch ohne energieintensive technische Kühlung schützen können:
- Sommerlicher Wärmeschutz durch Phasenverschiebung: Die Kombination aus massiven Lehmputzen bzw. Lehmsteinen (hohe Rohdichte und Wärmespeicherfähigkeit) und Naturfaserdämmstoffen aus Stroh, Holzfasern oder Hanf (hohe spezifische Wärmekapazität im Vergleich zu leichten Hartschaumdämmstoffen) verzögert das Eindringen von Sommerhitze in den Innenraum um viele Stunden (hohe Phasenverschiebung). Gebäude bleiben länger passiv kühl – ohne dass zunächst Klimaanlagen einspringen müssen, je nach Region und Grad der leider durch globale Untätigkeit zunehmenden Erderwärmung. Schlüssel hierzu ist das Beachten aller bauphysikalischen Schlüsselfaktoren, inklusive der Luft- und Winddichtigkeit, sowie insbesondere der Reduktion solarer Gewinne durch zu große Fensterflächen und ihrer Ausrichtung sowie Verschattung.
- Hygroskopische Feuchteregulierung: Unbehandelter Lehm und diffusionsoffene Naturbaustoffe nehmen überschüssige Luftfeuchtigkeit aus der Raumluft rasch auf (Sorptionsfähigkeit) und geben sie bei trockener Luft recht schnell wieder ab. Dies stabilisiert das Raumklima auf natürliche Weise, und kann die Atemwege durch Vorbeugung von Schimmelpilzbildung schützen – insofern die bauphysikalischen Bedingungen und die Qualität der Planung und Arbeit stimmen.
- Regionale Wertschöpfung und Lieferketten-Resilienz: Lehmaushub, Getreidestroh als Restnutzung, Nutzhanf und heimisches Holz sind in unterschiedlichen Ausprägungen manchmal nicht lokal aber meist regional verfügbar. Das reduziert Transportemissionen fördert die Identifikation und Wertschätzung und macht das Bauwesen unabhängiger von globalen Rohstoff- und Energiepreiskrisen.

3. Unsere Transparenz-Garantie: Was wir ausdrücklich NICHT behaupten
Echter Schutz vor Greenwashing bedeutet auch, Grenzen klar zu benennen. Gemäß den Vorgaben des Umweltbundesamtes gegen irreführende Gesamtaussagen stellen wir klar:
- Kein Neubau ist „umweltneutral“: Jede Bautätigkeit greift in den Naturhaushalt ein, verbraucht Fläche und erfordert Energie. Deshalb lehren wir in allen Projekten und Kursen stets die Prioritätenfolge der Starken Nachhaltigkeit: 1. Flächensparen und Bestandserhalt vor Neubau, 2. Suffiziente Sanierung und Umbau mit Naturbaustoffen, 3. Sortenreiner, kreislauffähiger kompakter Neubau nur dort, wo er zwingend nötig ist.
- Abhängigkeit von der konkreten Bauausführung: Stroh, Holz, Hanf und Lehm entfalten ihre volle ökologische Wirkung nur dann, wenn sie sortenrein und ohne synthetische Kunstharzzusätze, Zementstabilisierung oder flächige Verklebungen verarbeitet werden und aus nachhaltiger, möglichst regionaler Land- und Forstwirtschaft stammen. Genau diese handwerkliche und planerische Fachkompetenz vermitteln wir in unseren Kursen.
- Keine gekaufte „Klimaneutralität“: Wir verwenden für unsere Bildungsangebote, Projekte oder empfohlenen Bauweisen keine pauschalen Claims wie „klimaneutral durch Kompensation“. Wir setzen ausschließlich auf reale Emissionsvermeidung und physikalische Kohlenstoffspeicherung in der Bausubstanz.
Quellen und Nachweisgrundlagen: Bundesdatenbank ÖKOBAUDAT (BMWSB), Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB), Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) zur Starken Nachhaltigkeit, Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), Leitlinien des Umweltbundesamtes (UBA) zu Umweltaussagen nach EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825.
