6. Runder Tisch: Bestand nachhaltig sanieren am Beispiel der Grundschule Nordwohlde

Beim 6. Runden Tisch der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen wurde deutlich: Die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand beim klimaschonenden Bauen ist trotz knapper Kassen machbar.

Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung, Handwerk, Planung und weiteren Bauakteuren aus Verden, Diepholz und Nienburg konnten sich bei der Besichtigung der Grundschule Nordwohlde selbst ein Bild davon machen. Die beeindruckende Sanierung und Umnutzung der Schule mit ehemaliger Turnhalle zeigt, dass nachhaltiges Sanieren mit überwiegend nachwachsenden Rohstoffen, wohngesunden Materialien und regionaler Kompetenz innerhalb der vorgegebenen Kosten möglich ist.

Nach einem Ortswechsel zur Kreismusikschule Syke diskutierten Bauherrschaft und Planung, was es braucht, um nachhaltige Bau- und Sanierungsentscheidungen zu treffen. Entlang der gemeinsam entwickelten Kriterien für Nachhaltiges Bauen der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen ging es um Materialwahl, Nutzer*innenwohlbefinden, sommerlichen Wärmeschutz sowie Chancen und Herausforderungen von Schulsanierungen. Auch Möglichkeiten einer effizienten und einfachen Ausführung standen im Fokus. Dabei ging es nicht um eine abstrakte Gegenüberstellung von Sanierung und Neubau, sondern um einen Erfahrungsaustausch aus der Praxis. Anhand konkreter Projekte wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht und diskutiert, wo nachhaltiges Bauen bereits heute umgesetzt wird und welche Kriterien dabei unterstützen können.

Nachhaltiges Bauen zum Anfassen

Der Rundgang durch die Grundschule Nordwohlde bildete den praktischen Auftakt. Nach der Begrüßung stellte Markus Kreis von 3K Architekten + Ingenieure den Umbau vor. Anschließend ging es gemeinsam mit Schüler*innen und der Schulleitung durch das Gebäude. Der Geruch von Holz und Linoleum, der lichtdurchflutete Eingangsbereich und die holzvertäfelten Bäder vermittelten unmittelbar einen angenehmen und behaglichen Eindruck. Nachhaltiges Sanieren hat damit auch mit Wohlbefinden und Gesundheit zu tun.

Bei der Projektvorstellung und Besichtigung wurden zentrale Fragen diskutiert: Wie funktioniert ein Gebäude im Alltag? Wie fühlen sich die Räume für die Menschen an, die sie täglich nutzen? Und welche Entscheidungen haben dazu beigetragen, aus einer bestehenden Turnhalle einen zeitgemäßen Lernort zu machen?

Die Schüler*innen zeigten stolz ihre Räumlichkeiten. Bemerkenswert ist auch der enge regionale und persönliche Bezug: Das beauftragte Planungsbüro 3K hatte eigene Kinder und Enkel*innen auf der Schule. So spielten neben der regionalen Kompetenz auch generationsübergreifende Aspekte eine Rolle.

Auf Fragen zu Kosten und möglichen Kostensteigerungen antwortete Markus Kreis: „Es gab in der Summe keine Kostensteigerungen, alles lief innerhalb der geplanten Kosten.“ Lediglich die Stadt Bassum als Auftraggeber konnte eigenständig einen Puffer einplanen. Die Grundschule Nordwohlde ist damit ein gutes Best-Practice-Beispiel für nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen. Der Erhalt bestehender Bausubstanz steht nicht im Widerspruch zu modernen Anforderungen. Vielmehr zeigt das Projekt, welches Potenzial im Bestand steckt, wenn diesersorgfältig analysiert und gezielt weiterentwickelt wird.

Sanieren oder Neubau? Ein Erfahrungsaustausch aus der Praxis

Nach der Besichtigung ging es zur Kreismusikschule Syke. Dort stand die Paneldiskussion „Sanieren oder Neubau? Erfahrungsaustausch aus der Praxis“ auf dem Programm. Mit dabei waren Mischa Flaspöhler, Fachdienstleiter Liegenschaften des Landkreises Diepholz, Michael Schröder von Schröder Architekten sowie Markus Kreis von 3K Architekten + Ingenieure. Schnell wurde deutlich: Eine pauschale Antwort auf die Frage „Sanieren oder Neubau?“ gibt es nicht. Entscheidend sind der konkrete Bestand, die zukünftige Nutzung, verfügbare Flächen, Bauablauf und finanzielle Rahmenbedingungen. Bei der Sanierung einer Schule liegen Chancen und Herausforderungen eng beieinander. Markus Kreis verwies auf den organisatorischen und logistischen Aufwand eines Umbaus im laufenden Betrieb. Schüler*innen und Lehrkräfte müssen eingebunden werden, während Überraschungen im Bestand, enge Zeitpläne und Ferienzeiten berücksichtigt werden müssen. Dem stehen wesentliche Vorteile gegenüber: Der Schulbetrieb kann häufig weitergeführt, ein Umzug vermieden und bestehende Grundstücke und Erschließungen weiter genutzt werden. Zudem lassen sich Kosten für Abbruch und Rückbau vermeiden.

Gesunde Materialien und das Wohlbefinden der Nutzer*innen

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem ersten der gemeinsam entwickelten Nachhaltigkeitskriterien: der Verwendung gesunder Materialien und einer resilienten Planung mit Blick auf Nutzung und Wohlbefinden. Dabei wurde deutlich, dass Materialentscheidungen weit über die Frage hinausgehen, ob ein Baustoff besonders „ökologisch“ ist. Langlebigkeit, Wartungsaufwand, Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus und die Auswirkungen auf die Gesundheit der Nutzerinnen und Nutzer spielen insbesondere bei öffentlichen Gebäuden eine wichtige Rolle. Auch die Frage nach Materialien jenseits des klassischen Holzbaus führte zu konkreten Beispielen. Linoleum und Kautschuk wurden hier von den Diskussionsteilnehmern als langlebige, robuste und praxistaugliche Materialien hervorgehoben. Auch Lehm und Stroh wurden als nachhaltige Baustoffe thematisiert.

Während es im öffentlichen Bauen in Deutschland bislang vergleichsweise wenige Erfahrungen gibt, gewinnt der Strohbau in Frankreich im öffentlichen und sozialen Bauen zunehmend an Bedeutung.

Besonders die positiven Eigenschaften für das Raumklima werden dort geschätzt. Gerade in Schulen, in denen Menschen täglich viele Stunden verbringen, ist die Verwendung wohngesunder und möglichst schadstoffarmer Materialien von großer Bedeutung. Nachhaltigkeit bedeutet hier, ökologische, gesundheitliche und wirtschaftliche Aspekte gemeinsam zu betrachten.

Sommerlicher Hitzeschutz: Resilient planen statt nachträglich reagieren

Mit steigenden sommerlichen Temperaturen gewinnt der Hitzeschutz in öffentlichen Gebäuden an Bedeutung. Die Diskussion zeigte, dass eine nachhaltige Planung zunächst auf bauliche und passive Maßnahmen setzen sollte. Mischa Flaspöhler nannte wirksamen Sonnenschutz, eine gute Gebäudehülle, natürliche Nachtauskühlung und die gezielte Nutzung von Speichermassen als wichtige Ansätze. Michael Schröder ergänzte die Bedeutung eines gut gesteuerten außenliegenden Sonnenschutzes und einer frühzeitigen Gebäudesimulation. Beim Projekt Nordwohlde hat man sich unter anderem für zusätzliche Dämmmaßnahmen, außenliegenden Sonnenschutz und großzügigen Dachüberstand entschieden.

Sommerlicher Wärmeschutz sollte nicht erst Thema werden, wenn Räume bereits überhitzen. Er gehört von Beginn an zu einer resilienten Planung. Die Möglichkeiten reichen vom Fernhalten der Wärme über natürliche Lüftung und Nachtauskühlung bis hin zu passiven und – wenn erforderlich – aktiven Kühlmöglichkeiten. Michael Schröder betonte, dass künftig die Entwärmung von Gebäuden eine immer größere Rolle spielen wird und bereits bei Sanierungen und Neubauten mitgedacht werden sollte.

Bestand erhalten – und gleichzeitig Raum für Neues schaffen

Ein weiteres Nachhaltigkeitskriterium lautete: Bestand erhalten, nachhaltig modernisieren und umnutzen.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Bestand nicht immer die einzige oder beste Lösung sein muss. Neubauten oder Erweiterungen können die Chance bieten, moderne pädagogische Konzepte, flexible Lernlandschaften und multifunktionale Räume von Beginn an zu integrieren. Auch Anforderungen an Energieeffizienz, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und sommerlichen Wärmeschutz lassen sich frühzeitig berücksichtigen. Michael Schröder erläuterte, dass sowohl Stahlbetonfertigteile als auch Holzskelettbauweisen flexible Raumkonzepte ermöglichen. Entscheidend sei, Anforderungen an Nutzung, Konstruktion, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit im konkreten Projekt zusammenzubringen. Beim Holzskelettbau können je nach Ausführung höhere Kosten entstehen. Ein weiteres Praxisbeispiel zeigte das Potenzial von Aufstockungen. Mischa Flaspöhler berichtete von einem Projekt, bei dem die Nutzfläche von rund 2.650 auf rund 4.900 Quadratmeter nahezu verdoppelt werden konnte. Gleichzeitig sank der witterungsbereinigte spezifische Wärmeverbrauchvon etwa 93 kWh/m²a im Jahr 2022 auf rund 77 kWh/m²a im Jahr 2025.

Einfach bauen, Materialien und Kosten sparen

Der vierte Schwerpunkt war das Kriterium „Effizientes und einfaches Bauen“. Eine zentrale Erkenntnis: Nachhaltigkeit muss nicht zwangsläufig durch zusätzliche Technik, komplexe Konstruktionen oder mehr Material entstehen. Oft liegt ein wichtiger Hebel in der Reduktion auf das Wesentliche. Markus Kreis betonte, dass klare Tragwerke, einfache Grundrisse und möglichst wenige unterschiedliche Bauteil- und Materialtypen den Materialeinsatz sowie Planungs-, Fertigungs- und Montageaufwand reduzieren können. Standardisierte Bauteile, Vorfertigung und modulare Konstruktionen können Bauzeiten verkürzen, Schnittstellen reduzieren und Fehler vermeiden. Auch auf unnötige Bekleidungen, abgehängte Decken oder mehrschichtige Konstruktionen könne verzichtet werden, wenn die erforderlichen Funktionen bereits durch die Primärkonstruktion erfüllt werden. Entscheidend ist eine frühzeitige und integrale Abstimmung zwischen Objektplanung, Tragwerk, Haustechnik und Ausbau.

Damit wurde eine zentrale Erkenntnis des Tages deutlich: Nachhaltiges Bauen bedeutet nicht automatisch, möglichst viel neu zu bauen. Eine sorgfältige Planung kann Material, Zeit und Kostensparen und gleichzeitig langlebige, funktionale Gebäude schaffen und erhalten.

Vom Erfahrungsaustausch zum gemeinsamen Lernen

Der 6. Runde Tisch zeigte erneut den Wert des direkten Austauschs zwischen unterschiedlichen Bauakteur*innen. Verwaltung, Bauherrschaft und Planung bringen verschiedene Anforderungen und Erfahrungen mit. Gerade diese Perspektiven ermöglichten eine praxisnahe Diskussion.

Die sieben gemeinsam entwickelten Kriterien für Nachhaltiges Bauen sind dabei keine fertige Checkliste, die individuelle Entscheidungen ersetzt. Sie helfen vielmehr, frühzeitig die richtigen Fragen zu stellen: Welche Materialien passen zu Nutzung und Gebäude? Wie lässt sich das Wohlbefinden berücksichtigen? Was kann erhalten und weiterverwendet werden? Und wo können durch eine einfachere Ausführung Material und Kosten eingespart werden?

Gemeinsam nachhaltige Entscheidungen treffen

Am Ende des Tages blieb die Frage „Sanieren oder Neubau?“ bewusst ohne allgemeingültige Antwort. Die Diskussion hat jedoch gezeigt, dass nachhaltige Entscheidungen eine gute Bestandsanalyse, klare Zielsetzungen und einen frühzeitigen Austausch zwischen allen Beteiligten brauchen. Die Grundschule Nordwohlde hat eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial in einer sorgfältig geplanten Sanierung und Umnutzung liegen kann. Gleichzeitig machten die weiteren Praxisbeispiele deutlich, dass auch Erweiterungen, Aufstockungen und Neubauten ihre Berechtigung haben können – wenn sie langfristig gedacht und an den tatsächlichen Anforderungen von Nutzung, Standort und Gesellschaft ausgerichtet werden.

Beim 6. Runden Tisch sind wir diesem gemeinsamen Verständnis einen weiteren Schritt nähergekommen: durch einen Blick in die Praxis, durch offene Diskussionen und durch die Bereitschaft, unterschiedliche Erfahrungen miteinander zu teilen. Und auch auf die Frage, ob die Beteiligten ihre jeweiligen Projekte und Entscheidungen grundsätzlich wieder so treffen würden, fiel die Antwort der Diskussionsgäste eindeutig aus: „Ja.“

Der Austausch geht weiter: Am 28. Oktober 2026 findet der 7. Runde Tisch in Verden statt. Eine Einladung folgt.

Möchten Sie gerne teilnehmen?

Anmeldungen unter: veranstaltung@biwena.de
Betreff: Anmeldung Runder Tisch