Blick in voll besetzten Vortragsraum NZNB / biwena, Holzbau ist sichtbar

4. Runder Tisch / Gemeinsame Kriterien für nachhaltiges Bauen

Wie lässt sich nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen so verankern, dass es in der Praxis umsetzbar wird? Mit dieser Fragestellung sind rund 30 Bauakteur*innen aus Verden, Nienburg und Diepholz am 25. Februar 2026 unserer Einladung zum 4. Runden Tisch gefolgt. Der Ort: Das Norddeutsche Zentrum für Nachhaltiges Bauen in Verden, eines der Positivbeispiele für nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte NS, welches vor 10 Jahren in Strohballenbauweise entstanden ist.

Gemeinsam mit engagierten Bauakteur*innen aus Verwaltung, Planung, Handwerk und Bauwirtschaft haben wir wieder an unserem zentralen Ziel weitergearbeitet: der Entwicklung eines gemeinsamen Kriterienpapiers und eine Umsetzungshilfe für nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen.

Was hier entsteht, soll kein abstraktes Leitbild für die Schublade sein, sondern ein klarer Kompass und eine Entscheidungshilfe für zukunftsfähiges kommunales und privates Bauen.

Der Runde Tisch als Ort der Vernetzung

Der Runde Tisch ist von uns bewusst als fortlaufender Prozess angelegt. Wir als Team der Bildungsoffensive nachhaltiges Bauen Mitte Niedersachsen bringen die Akteur*innen aus der Region zusammen. Mit ihnen entwickeln wir gemeinsam Zielstellungen und Inhalte für nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen.

Nach dem vorangegangen Treffen ist ein Ergebnispapier entstanden, dass wichtige Nachhaltigkeitskriterien umfasst und ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen im Baubereich in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen beinhaltet. Im 4. Runden Tisch wurde erlebbar, dass es nun um die konkrete, inhaltliche Ausgestaltung der Kriterien für nachhaltiges Bauen geht.

Dabei zeichnen sich zentrale Themen ab:

  • Verwendung gesunder Materialien in Bezug auf Nutzung und Wohlbefinden
  • Der Einsatz regionaler Materialien und Kompetenzen
  • Die regionale Vorbildfunktion für zukunftsfähiges Bauen und Sanieren 
  • Bestandserhaltung, Umnutzung und energetisch zu modernisieren
  • Einsparung und Speicherung von Treibhausgasemissionen durch nachwachsende Rohstoffe 
  • Minimierung, Trennbarkeit und Wiederverwendbarkeit von eingesetzten Materialien
  • Effizientes und einfaches Bauen

Unser Diskussionsprozess ist von Transparenz, dem Wissenstransfer und der Zusammenarbeit der Akteure aus den drei Zukunftsregionen geprägt. Unser gemeinsames Ziel: Klarheit und Umsetzbarkeit auf den Weg zu wirtschaftlichem, ökologischem und sozial verantwortlichem Bauen über den gesamten Lebenszyklus zu bringen.

Vortrag von Klaus Dosch: Komplexität reduzieren, Entscheidbarkeit schaffen

Mit dem Input von Klaus Dosch (ResScore) wurde eine zentrale Hürde adressiert, die uns auf dem Weg zu umsetzbaren Kriterien für die Zukunftsregion Mitte Niedersachsen immer wieder im Weg steht:

Die hohe Komplexität von Nachhaltigkeitsbewertungen im Bauwesen.

Beispielsweise umfassen die Lebenszyklusanalysen heute eine Vielzahl an Materialien, Indikatoren und Phasen – mit zehntausenden Datensätzen pro Gebäude. In dieser Form sind sie für viele Entscheidungsprozesse kaum handhabbar. 

Der von Klaus Dosch vorgestellte Ansatz setzt deshalb bewusst auf Vereinfachung:

  • Konzentration auf wenige zentrale Kennzahlen (z. B. Treibhausgase, Energie, Rohstoffe)
  • Fokus auf die wesentlichen Baugruppen
  • Orientierung am „80 %-Prinzip“ statt vollständiger Detailabbildung

Das Ziel ist eine robuste, verständliche Entscheidungsgrundlage.
Klaus Dosch dazu:

„Wir brauchen eine Bewertung, die jeder versteht – sonst wird sie nicht angewendet.“

Das visuelle Bewertungssystem von ResScore (A–D) – vergleichbar mit dem Nutri-Score auf Lebensmittelpackungen – zeigt, wie komplexe Zusammenhänge in eine anwendbare Form übersetzt werden können.

Für unsere gemeinsame Arbeit in der Region bedeutet das: auch unser Papier muss so gestaltet sein, dass es verständlich, vergleichbar und im Alltag anwendbar ist – nicht zuletzt auch bei Entscheidungen kommunaler Träger*innen. Praxisbeispiele wie die vorgestellten, von ResScore umgesetzten Siedlungsprojekte im Rheinischen Revier zeigen, dass dieser Ansatz funktioniert: er wird dort von Verwaltung und Handwerk erfolgreich genutzt.

Michael Burchert: CO2-Budget und fehlende Umsetzung

Der Beitrag von Michael Burchert vom BiWeNa e.V. machte sehr deutlich, welche massiven Auswirkungen aktuelle Bauentscheidungen kurz- und langfristig auf die Klimaziele haben.

Eine zentrale Erkenntnis dabei:

  • Es gibt keine direkte Korrelation zwischen Baukosten und CO₂-Emissionen: Nachhaltiges Bauen ist nicht zwangsläufig teurer, sondern eine Frage der Prioritäten und der Steuerung

Und das selbst ohne die aktuell noch vorhandene Verzerrung der Rechnung durch das Ignorieren des Schattenpreises mitzurechnen. Die Idee des Schattenpreises:

Dieser weist die Emissionen eines fiktiven, aber realistisch angesetzten Kostenwert zu und macht ihre Auswirkungen damit in wirtschaftlichen Entscheidungen sichtbar. So werden klimafreundlichere Optionen bewertbar und lassen sich direkt in die Kostenabwägung einbeziehen – nicht nur über den Anschaffungspreis, sondern über ihre tatsächlichen langfristigen Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft.

Michael Burchert:

„CO₂ hat einen Preis – auch wenn wir ihn heute noch nicht überall bezahlen.“


Bemerkenswert ist: Selbst der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie spricht sich für die Anwendung des Instruments Schattenpreis aus – angesetzt und damit gearbeitet wird aktuell aber nicht. Damit verschiebt sich die zentrale Frage:

Diese ist nicht mehr, ob die notwendigen Instrumente bekannt sind – sondern warum sie nicht konsequent umgesetzt werden. Denn:

  • Lebenszyklusanalysen sind etabliert
  • zirkuläre Ansätze und Wiederverwendung sind erprobt
  • kommunale Leitfäden existieren

Lösungen sind also vorhanden und erprobt – und können uns als Grundlage für die Weiterentwicklung der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen dienen.

Arbeit in Kleingruppen: Bausteine der Präambel

Nach einem Mittagessen mit Brot und Suppen, die in der ersten warmen Frühlingssonne vor der Tür Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen (NZNB) genossen wurden, ging es in vier Arbeitsgruppen daran, Inhalte konkret weiterzuentwickeln.

Im Fokus standen dabei zentrale Indikatoren:

  • GWP (Klimawirkung von Materialien)
  • PENRT (Nicht erneuerbare Primärenergie)
  • RMI (Materialeinsatz über den Lebenszyklus)

sowie die Arbeit an den Kriterien selbst.

Dabei wurde immer wieder deutlich:

  • Indikatoren müssen verständlich und anwendbar sein
  • sie müssen zusammen gedacht werden
  • und sie brauchen einen klaren Bezug zu konkreten Entscheidungen

Inhaltlich verdichteten sich dabei zentrale Themen:

  • Reduktion von Treibhausgasemissionen
  • Minimierung des Arbeitens mit nicht erneuerbaren Ressourcen
  • Die Themen Materialeffizienz und Kreislaufwirtschaft
  • Resilienz, Biodiversität und gesunde Materialien


Bestehende Ansätze aus der Region einbinden

Die Stadt Verden verfolgt als Kommune einen starken Nachhaltigkeitsansatz beim Bauen: Ein internes Papier gibt aktuell schon Orientierung für die Umsetzung öffentlicher Bauvorhaben. Auch dieser Ansatz lässt sich sich wunderbar weiterentwickeln und in gemeinsam getragene Kriterien für nachhaltiges Bauen für die gesamte Zukunftsregion überführen. 

Zukünftig: Mehr Raum für gemeinsame Entwicklung

In unserer Prozessreflektion wurde deutlich, dass beim 4. Runden Tisch sowohl die Zeit für die Auswertung der Inhalte aus den Kleingruppen als auch die Vertiefung der Ergebnisse zu knapp war.

Die Fakten aus den beiden Vorträgen von Klaus Dosch und Michael Burchert hingegen kam bei vielen Anwesenden sehr gut an. Rückblickend wären schon diese für sich allein genug Input gewesen, um gemeinsam inhaltlich produktiv weiterzuarbeiten.

Ausblick: Von den theoretischen Kriterien zur praktischen Umsetzung

Was wir als Bildungsoffensive Nachhaltiges Bauen Mitte Niedersachsen mitnehmen:

Der 4. Runde Tisch zeigt deutlich, dass wir gemeinsam die Grundlage für ein umfassendes Verständnis für nachhaltiges Bauen in der Region erarbeitet haben.
Unser nächster Schritt: den Entwurf für die Kriterien für Nachhaltiges Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen zu verfassen.

Für das hohe Maß an Bereitschaft zur Regions- und branchenübergreifender Zusammenarbeit möchten wir uns als Gastgeber*innen an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken: so wird es möglich, die Zukunft des Bauens gemeinsam zu gestalten.

Bauakteur*innen, welche die nächsten Schritte gemeinsam mit uns gehen möchten, sind zum 5. Runden Tisch eingeladen.


Das Fokusthema ist dieses Mal:
Die Bedeutung des Bauhandwerks als ein zentraler Akteur in der Umsetzung für das nachhaltige Bauen in der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen.

Input:

Die Firmen Brüggemann Dächer GmbH und Thies Holzbau GmbH stellen ihre Arbeiten
und Erfahrungen im Bereich Holzbau vor.

Zielgruppen:

Bauunternehmen und Handwerksbetriebe, Liegenschaften und Bauämter der Landkreise (DH, VER + NIE), Kommunen mit Bauämtern, Planung, Klimaschutzagenturen, Verbände, Kammern und sonstige Bauakteur*innen

Zeit:
Mittwoch der 29. April 2026 von 10.30 bis 14.00 Uhr
Anmeldung bitte über E-Mail an: veranstaltung@biwena.de

Die Veranstaltungen sind kostenfrei zugänglich da das Projekt „Bildungsoffensive Nachhaltiges Bauen Mitte Niedersachsen“ durch die Europäische Union und den Landkreis Diepholz, Landkreis Nienburg/Weser und den Landkreis Verden im Rahmen der Zukunftsregion Mitte Niedersachsen gefördert wird.